Wenn die Erleuchtung noch etwas auf sich warten lässt

Aktualisiert: Juni 29

Von Andrea Maria


Vor einigen Tagen überkam es mich, ich konnte einfach nicht anders: Ich musste über einen Bekannten lästern, dessen Einstellung ich in Bezug auf einige Themen einfach nicht nachvollziehen kann. Eigentlich mag ich es überhaupt nicht über andere Menschen zu reden bzw. über sie zu urteilen, weil ich glaube, dass jede und jeder so leben soll, wie er/sie möchte. Und wir wissen schließlich nie, warum Personen reagieren wie sie halt reagieren – sie werden schon einen Grund haben und wir sollten nicht darüber richten. Diese Einstellung hat mich übrigens Yoga gelehrt. Aber, ich geb’s zu: Manchmal falle ich in alte Muster zurück, wie im eben angeführten Beispiel. Das lustige in diesem Fall war, dass ich, bevor ich loslegte, deutlich und mehrmals (!) betonte: „Ich will eh nicht urteilen und nicht schlecht über ihn reden, aber …“ Mein Partner schaute mich an und musste schmunzeln, so wie ich jetzt im Nachhinein, denn genau das habe ich schlussendlich gemacht. Sehr „unyogisch“, ich weiß ;). Was ich aber unbedingt dazu sagen will: Mich haben einige Aktionen dieses Bekannten ziemlich irritiert und ich wollte einfach darüber sprechen, was ich nicht unbedingt als urteilen verstehe. Irgendwie rutschten halt dann ein paar kleine Lästereien dazwischen …


Genau zu jener Zeit las ich das Buch „Das Think Like a Monk-Prinzip“ von Jay Shetty, in dem der Autor Wege und Methoden zu mehr innerem Frieden und Kraft für ein sinnvolles Leben beschreibt. Eine dieser Methoden ist es, dass wir versuchen sollen eine ganze Woche nicht über jemand anderes zu reden – kein Urteilen, kein Lästern, kein (Be)Werten … Jedes Mal, wenn man dann doch über jemanden spricht, sollte man sofort aufschreiben, was man an dieser Person schätzt. Ganz spontan dachte ich mir, dass ich das machen will – irgendwann mal. Bis jetzt traute ich mich nicht, diese Aufgabe anzugehen, weil ich insgeheim weiß wie herausfordernd das sein wird.


Auf der Reise sein


Wenn ich mich in Situationen ertappe, in denen ich meiner Meinung nach „unyogisch“ handle, frage ich mich manchmal reflexartig: „Bin ich eine gute Yogini?“ oder sogar „Bin ich ein guter Mensch?“ Ich beschäftige mich nun seit zirka sieben Jahren intensiv mit Yoga und im Zuge dessen mit meinem Mindset, meinem Handeln und versuche, Yoga in mein Leben, in meinen Alltag zu integrieren. Denn: Yoga ist mehr als nur die Asanas und Flows auf der Matte - Yoga ist eine Lebenseinstellung bzw. Lebensphilosophie, er kann deine Haltung zu dir, zu deiner Umwelt und zum Leben maßgeblich beeinflussen und prägen. Ich habe in den letzten Jahren viel darüber gelesen, reflektiert, mich weitergebildet, entwickelt und mich inspirieren lassen … Doch manchmal kommt es mir vor, als wüsste ich kaum was über Yoga und was wirklich dahintersteckt. Und genau DAS ist das Spannende an Yoga und generell am Leben – Wir lernen nie aus, entwickeln uns ständig weiter. Diese Tatsache soll uns auch demütig machen, denn: Wir sollten niemals so überheblich sein und glauben, die alleinige Wahrheit für uns beanspruchen zu können oder glauben, wir seien am Ziel angekommen. Aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes Thema. Unsere Entwicklung, unser Leben ist wie eine fortlaufende Reise, auf der wir uns befinden. Wie wir diese Reise gestalten, hängt von jeder und jedem einzelnen ab.


Ein wesentlicher Aspekt, den ich mir seit Jahren zu Herzen nehme, und den ich versuche umzusetzen, ist, nicht oder weniger zu urteilen, zu (be)werten - zu urteilen, zu werten über mich, über mein Leben, über andere. Erst seitdem ich mich bewusst damit auseinandersetze, merke ich, wie oft ich und wir Menschen generell (be)werten, urteilen und interpretieren, z.B. wenn eine Kollegin schlecht drauf ist, glauben wir vielleicht, sie hat was gegen uns, derweil muss sie nur den Streit mit ihrem Partner verdauen, oder wir maßen uns an über jemandes Entscheidung zu richten oder denken unnötig über das Kleid der Nachbarin nach, dessen Farbe ihr unserer Meinung nach überhaupt nicht steht, und und und … ein Urteil und eine Bewertung jagen oft die nächsten. Diesen Kreislauf heißt es zu durchbrechen.


Bitte nicht falsch verstehen. Das alles soll nicht bedeuten, dass wir nie wieder über jemanden oder eine Situation sprechen sollen oder dürfen. Nein, aber es darf uns bewusst sein, wie wir es tun, welche Worte wir benutzen und vor allem mit welchen Emotionen wir dies machen. Denn: Urteilen, (be)werten hat immer mit einem oder mehreren Gefühl(en) zu tun. Irgendwas triggert uns, es beschäftigt uns, deshalb verspüren wir den Drang darüber nicht bloß zu reden, sondern auch zu werten. Doch im Grunde ist es häufig mein ganz persönliches Thema, das möglicherweise nicht einmal mit der jeweiligen anderen Person oder Situation zusammenhängt. Allein wenn mir das bewusst ist, ist das ein riesengroßer Schritt auf meiner Reise. Ich bin überzeugt, dass uns bloßes Urteilen daran hindert, voran zu kommen. Reflektiere ich hingegen mein Handeln und Denken, kann mich dies persönlich unglaublich weiterbringen.


Mehr „Buddhas“ für die Welt


Bin ich nun eine gute Yogini, obwohl ich hin und wieder urteile? „JA!“, lautet meine Antwort mittlerweile darauf. Mir ist bewusst, dass ich alles andere als unfehlbar bin und es gibt Tage, an denen ich keine Lust habe, mich auf meiner Yogamatte zu besinnen oder an denen ich vergesse, worum es im Leben wirklich geht und ich auf meiner Reise feststecke … Schlussendlich holt mich unter anderem Yoga immer wieder zurück zum Punkt, an dem ich meinen Trip fortsetze. Und das ist ein so unglaublich schönes, sicheres und vertrautes Gefühl! Der Autor und Coach Peter Beer sagte kürzlich in einem Interview, dass die Welt mehr „Buddhas“ bräuchte – Mit "Buddhas" meint er wache, erwachte Menschen. Der Weg des Yoga bringt uns genau dorthin. Und irgendwann ist die Erleuchtung - oder sowas Ähnliches - auch nicht mehr in weiter Ferne.



Wach und bewusst auf dem Weg in Richtung Erleuchtung. (c) Pexels/Susanne Jutzeler

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